Wenn der Buntspecht …

Trenk-Javier Thorwart: „Wenn der Buntspecht dreimal haemmert“, 388 Seiten, gebundene Ausgabe (€ 34,95).

Die deutschsprachige Erzählprosa schickt sich an, aus ihrem selbstgewählten Dornröschenschlaf zu erwachen. Verantwortlich hierfür zeichnet ausgerechnet der noch vor Jahresfrist vielgescholtene Verfasser der Novelle „Unbehauenen Schäkel“, der vor dem Hintergrund der #metoo-Debatte allenthalben misogyne Tendenzen und darüberhinaus ein überaus ermüdender Hang zum Redundanten zum Vorwurf gemacht wurde.
Jetzt ist es also eben jener Trenk-Javier Thorwart (Jahrgang 1993), der als Sohn eines österreichischen Diplomaten und einer andalusischen Kunstnäherin seine ersten Lebensjahre in Buenos Aires, Luzern, Osaka, Baltimore und Minsk verbrachte, der einem bereits tot geglaubten Subgenre neues Leben einzuhauchen verspricht.
Ja, richtig gelesen: Der naturalistische Introspektionsroman feiert nicht nur ein atemberaubendes Comeback, sondern definiert sich in Gestalt von „Wenn der Buntspecht dreimal hämmert“ mit nachgerade beiläufig erscheinender Leichtigkeit völlig neu und katapultiert sich damit in furioser Manier auf die Höhe der Zeitläufte.
Thorwarts Verdienst besteht dabei vorrangig im feinen Austarieren der vielfältigen Stimmen, die in seinem Debutroman zu Wort kommen, ohne den Leser am Gängelband zu führen oder gar moralinsauren Belehrungen auszusetzen. Dabei kommt er oft mit skizzenhaft entworfenen Handlungs- und Dialogsplittern aus, die im wechselseitigen Zusammenspiel einen unwiderstehlichen Spannungsbogen mit regelrecht beängstigender Sogwirkung generieren.
Fazit: Es müsste wahrlich mit dem Leibhaftigen zugehen, wenn wir von diesem jungen Autor in einer Zukunft, vor der uns nicht bange sein muss, keine ebenso erhebenden wie verstörenden Meilensteine der Erzählkunst zu lesen bekämen.

Claude van Pfaehleren

388 Seiten, gebundene Ausgabe (€ 34,95)

Von Gisbert Wessenfeldt (Leiter des Ressorts Ausfälliges und Ausgefallenes), in: Spiegelzeiten, Periodikum für Politisches, Ästhetisches und Kulturelles, 43. Jahrgang, Ausgabe 3/2019).

Cover-Inspiration: @pennell_zack