Der Spalter

Trudie Demuth: Der Spalter, Novelle, 78 Seiten, 5,95

Da flattert eine kleine Novelle in die Redaktion und man ist gleich außer Rand und Band. Schlotto raucht eine ganze Packung Roth-Händle und Patrizia stürzt sich auf die Wodka-Reste des vergangenen Tages.

Trudie Demuth, bekannt geworden durch ihre hautnahen Dokumentationen aus der amerikanischen Arbeiterklasse und zweimal mit dem Prix Travail ausgezeichnet, haut die Geschichte des Wanderspalters Francis Wheat nur so auf die Seiten. Sie verliert keine Zeit mit Grammatik und Rechtschreibung –  als gäbe es kein Morgen mehr. Die Geschichte scheint kurz erzählt. Wheat, 1959 geboren, verliert früh den Job und schafft sich mit einem überteuerten Kredit, welcher in der Fortsetzung noch eine Rolle spielen wird, eine Spaltaxt an, mit der fortan durch den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten trampt.

Wheat hält in seinem Tagebuch pedantisch fest, wieviele Ster Holz er täglich spaltet und aufschichtet. Dabei entsteht eine mäandrierende Milieu-Studie der gegenwärtigen Arbeiterklasse, deren Teil Wheat zwar ist, über die er sich jedoch im Sinne Camus‘ durch seine Sisyphos-Arbeit zugleich erhebt. Wheat kennt weder Camus oder Sartre. Wheat ist Analphabet, was er nicht weiß – ein weiterer Kniff von Trudie Demuth – und seine Aufzeichungen bestehen aus gekritzelten, in ihrer Schlichtheit an Malerei von Dreijährigen erinnernde Zeichnungen, welche Trudie Demuth mit ihrem Text verwebt. So wird Eindringlichkeit geschaffen, deren Authentizität zu erschüttern vermag, wer sich im Jahr 2019 noch erschüttern lässt.

Francis Wheat adoptiert auf seiner sechzehnjährigen Reise durch die Appalachen 73 Waschbären, die ihm in einer geordneten Kolonne hinterhertraben. Ihre Vornamen, allesamt Francis, stellt Trudie Demuth kommentarlos den Listen entgegen, in welchen scheinbar stupide Klafter um Klafter gutes Weideholz aufgezählt sind.

Blurb:

„Existentiell.“ Frankfurter Leuchttum

„Wie ein Film von Soderbergh.“ Kinematografische Notizen

„Wo ist Netflix, wenn man es braucht?“ Hörweg

Trudie Demuth: Der Spalter, Novelle, 78 Seiten, 5,95