Herr Kesler

Botho Rallewitz: „Herr Kesler kauft ein S“, 1072 Seiten, Hardcover, 29,90

In kristalliner Sprache erzählt Botho Rallewitz eine Woche aus dem Leben des Rudolf – genannt Rudi – Kesler, der im Alter von 39 Jahren erfährt, dass sein Vater nicht als Chemiker bei der CBTG gearbeitet hat, sondern als Botaniker die Orchidee Lupincula Kimilsungia mit der Rose Conradia Adenaueriensis zum heute bekannten Gänseblümchen kreuzte. Der in Trennung von seinem Partner lebende Kesler fühlt mit aller Wucht – Rallewitz verfeinert hier die Methodik des Situationisten Jean Gibans jeden Satz mit einem Ausrufezeichen zu beenden, indem er jenes zum das Unvollständige aufrufenden Doppelpunkt degradiert – die Unvollkommenheit des eigenen Lebensentwurfs und will Tauchlehrer auf den Malediven. Da der unerfahrene Taucher („Tauchen vermag ich nur insofern: da ich nicht schwimmen kann!“) schon am ersten Tag den Tod des in Geldwäsche-Geschäfte verstrickten Milliardärs Anderson Applepies verschuldet, sieht er sich fortan auf der Flucht. Das Archipel der Schuld („Diese: Schuld!“) kann er nur unter anderem Namen verlassen. Es beginnt gemeinsam mit der Prostituierten Angelique die atemberaubende Jagd nach einem neuen Pass, da Kesler durch Zukauf eines „s“ sich wohl verändern, doch im Inneren seiner selbst ähnlich bleiben mag.

Ein Roman, welcher auf 1072 Seiten den Globalisierungsdruck auf das entfesselte Individuum nicht abspult, sondern die durch seitenweise ins Malayische übersetzte Suche nach dem Ich präzise auf den Punkt bringt.

Am Ende steht die Frage: Kann es Schuld geben ohne Schuldhaftigkeit? Und wieso trägt Angelique eine Krone aus Kokosnüssen und Gänseblümchen?

„Bizarr und aufrüttelnd. Ein Wegweiser ins 21. Jahrhundert.“ Die Susanne